Politik der Verhältnisse – Politik des Verhaltens: Widersprüche der Gestaltung Sozialer Arbeit

Im Zeichen der neoliberalen Restrukturierung gesellschaftlicher Konfliktverhältnisse hat sich in der Sozialpolitik und der Sozialen Arbeit ein tiefgreifender und folgenreicher Wandel in den handlungsleitenden Orientierungen vollzogen: Eine Politik der Verhältnisse, die primär gesellschaftsstrukturelle Bedingungen von sozialer Ungleichheit und Ausschließung (Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit, Armut etc.) problematisiert, wird von einer Politik des Verhaltens verdrängt. Letztere richtet den Fokus in erster Linie auf die ‚Diagnose‘ und ‚Behandlung‘ von individuellen Verhaltensdispositionen, Persönlichkeitsmerkmalen, Wertorientierungen, subjektiven Einstellungen und Fähigkeiten (der Arbeitslosen, der Wohnungslosen, der Armen etc.). Möglichkeiten der Teilhabe werden damit zunehmend versperrt. Aus einer strukturbezogenen Politik, die Macht- und Herrschaftsverhältnisse in Bezug z.B. auf Klassen- und Geschlechterkonflikte thematisiert, wird so eine dezidiert auf individuelles und kollektives Verhalten bezogene Politik, die Fragen des Lebensstils, der Moral, der Normkonformität und damit personalisierende Konzepte der Verhaltenssteuerung und Verhaltenskontrolle in den Vordergrund rückt. Aufgrund ihrer dominanten Tradition individualisierender ‚Problembearbeitung‘ war und ist die Soziale Arbeit seit jeher für eine Politik des Verhaltens anfällig. Aus gesellschaftlichen Konfliktkonstellationen um den herrschaftlich organisierten Zugang zu Ressourcen werden ‚Problemgruppen‘. Diese werden zum bevorzugten Gegenstand staatlicher Ordnungspolitik. Ihre ‚Verhaltens- und Kompetenzdefizite‘ sollen in einem Mix aus Zwang und ‚Förderung‘ (durch Empowerment, Resilienzförderung, soziale Kompetenztrainings, Präventionsprogramme etc.) unter professioneller Anleitung bearbeitet werden.

Programmatisch kommt dieser Politikwechsel in unterschiedlicher Weise zum Ausdruck:

Die strukturell bedingte (und politisch gewollte) Selektivität im Zugang zu Bildung wird in ‚Bildungsarmut‘ und ‚Erziehungsbedürftigkeit‘ umdefiniert, welche die ‚Bildungsverlierer_innen‘ als ‚bildungsferne Familien‘ adressiert und den Bildungsort Familie generell zur Disposition stellt. Spezifische Förderprogramme, individuelle Kompetenztrainings, Testverfahren und pädagogische Interventionsformen haben bereits in der frühen Kindheit eine bedeutsame Selektionsfunktion. Damit einher geht eine stärkere staatliche Kontrolle nach dem Motto: ‚Aufwachsen in öffentlicher Verantwortung‘.

Unter dem Leitmotiv von ‚Fördern und Fordern‘ wird Arbeitslosigkeit nicht mehr so sehr als eine strukturelle Frage des Arbeitsmarktes betrachtet, sondern viel mehr als verhaltensbezogenes Defizit der Arbeitslosen selbst, das mittels ‚aktivierender‘ Maßnahmen der Disziplinierung und Unterstützung zu kompensieren ist.

Dem Kostendruck im Gesundheitswesen wird vermehrt mit Programmen der Gesundheitsförderung begegnet, die das aktive ‚Management‘ der Gesundheitsrisiken in die individuelle Verantwortung der ‚Bürger_innen‘ legen und Krankheit als Ergebnis einer ‚anstößigen‘, weil gesundheitsschädlichen Lebensführung verstehen.

In den folgenden vier Panels soll erarbeitet werden, wie sich dieser Politikwechsel in Sozialer Arbeit und durch Soziale Arbeit auswirkt, wie sich insbesondere der Widerspruch zwischen der Politik des Verhaltens und der Politik der Verhältnisse in Theorie und Forschung ausdrückt, wie er über die Gestaltung der Praxis jeweils bearbeitet wird und unter welchen Bedingungen einer Politik des Verhaltens widerstanden werden kann.

1/ Konfliktperspektiven in Fall-, Feld- und Sozialraumorientierung

Einzelfall-, Feld- und Sozialraumorientierung knüpfen meist an ‚sozialen und individuellen Problemen‘ bzw. an ‚sozialem und kulturellem Kapital’ wie auch den individuellen Fähigkeiten, Ressourcen und den Biographien der Adressat_innen an und befördern insofern eine Politik des Verhaltens. Zu fragen ist, wie mit den Interessen einer neoliberalen Politik der Instrumentalisierung und Enteignung lebensweltlicher Ressourcen und der Zuschreibung lebensweltlicher Selbstzuständigkeit umgegangen wird und wie diese Konfliktfelder in ihren widersprüchlichen Anforderungen aufgedeckt und kenntlich gemacht werden (können).

2/ Partizipation, Inklusion und Diversität im Neoliberalismus

Vermeintlich emanzipatorische Schlagwörter wie ‚Partizipation‘, ‚Inklusion‘ und ‚Diversität‘ haben Konjunktur. Neoliberale Politik und (Fach-)Diskurse produzieren Konfliktverhältnisse um gesellschaftliche Teilhabe und um die Gestaltung sozialer Infrastruktur. Zu fragen ist, auf welche Weise und unter welchen Bedingungen die genannten Konzepte ‚emanzipatorisches‘ Potential entfalten und/oder verhindern können.

3/ Praktiken der Normierung, Normalisierung, Disziplinierung und Ausschließung

Die gegenwärtigen Normierungs- und Disziplinierungspolitiken, die auch in der Sozialen Arbeit praktiziert werden, werden als Förderung von Fähigkeiten (Empowerment, Kompetenztrainings u.a.m.) wie auch als Verhinderung von Normabweichung (Sanktionen, Grenzsetzungen, verhaltenstherapeutische Erziehungsprogramme) auf die Veränderung von Personen orientiert. Es gilt auszuloten, welche Möglichkeiten zur Abwehr von Normierung, Disziplinierung und Ausschließung Soziale Arbeit auf der Ebene von Theorie, Forschung und Handlungspraxis entwickeln und erproben kann.        

4/ Macht- und Wissensverhältnisse in Ausbildung und (Lohn-)Arbeit

Prekarisierung von (Lohn-)Arbeitsverhältnissen, Ökonomisierung von Bildungs- und Qualifizierungsverhältnissen und die Propagierung der ‚Wissensgesellschaft‘ können als Momente einer Klassen- und Geschlechterpolitik verstanden werden, die sowohl die Adressat_innen der Sozialen Arbeit als auch die Profession der Sozialen Arbeit selbst in mehrfacher Hinsicht unter Druck bringen. Welche Rolle die Hochschulen (und Forschungs- und Bildungsinstitute) bei der Generierung und Vermittlung derartiger Wissensbestände einnehmen und welche Möglichkeiten für die Soziale Arbeit bestehen, (Aus-)Bildung und (Lohn-)Arbeit (wieder) als Konfliktverhältnisse zu fassen, in denen sie gemeinsam mit den Adressat_innen als Konfliktakteure Position beziehen, sind zentrale Fragen.